Sie geben Kindern ein Zuhause – und plötzlich steht alles auf dem Spiel

Pflegeeltern nehmen Kinder auf, die Schutz, Halt und Geborgenheit brauchen. Sie öffnen ihre Familien für junge Menschen, die oft schon viel zu viel erlebt haben. Doch wenn das Zusammenleben schwierig wird, fühlen sich manche Pflegefamilien ausgerechnet von denen allein gelassen, die sie eigentlich begleiten sollen. Pflegeeltern berichten von fehlender Unterstützung, mangelnder Beratung und Entscheidungen von Jugendämtern, die für sie kaum nachvollziehbar sind. Im schlimmsten Fall steht am Ende die Herausnahme eines Kindes – und damit ein weiterer Beziehungsabbruch in einem ohnehin von Brüchen geprägten jungen Leben.

Es beginnt mit einer Entscheidung aus Verantwortung und Mitgefühl.

Menschen erklären sich bereit, ein fremdes Kind in ihre Familie aufzunehmen. Ein Kind, das vielleicht schon früh erfahren musste, dass Erwachsene nicht immer Sicherheit bedeuten. Ein Kind, das Vernachlässigung, Trennung, Gewalt, Suchtprobleme oder immer wieder wechselnde Bezugspersonen erlebt haben kann.

Dann kommt dieses Kind in eine Pflegefamilie.

Es bekommt ein eigenes Zimmer. Einen Platz am Frühstückstisch. Vielleicht zum ersten Mal einen geregelten Tagesablauf. Jemand fragt, wie es in der Schule war. Jemand wartet am Abend darauf, dass es nach Hause kommt. Jemand sitzt am Bett, wenn es nachts nicht schlafen kann.

Aus Tagen werden Monate. Aus Monaten werden Jahre. Es entstehen Rituale, Erinnerungen und Bindungen. Geburtstage werden gefeiert, Weihnachten gemeinsam verbracht, Urlaube geplant. Pflegegeschwister wachsen miteinander auf. Oma und Opa werden vielleicht irgendwann tatsächlich als Oma und Opa empfunden.

Auf dem Papier bleibt es ein Pflegeverhältnis. Für das Kind kann es längst Familie sein.

Die Vergangenheit sitzt mit am Küchentisch

Doch Liebe allein kann nicht heilen, was manche Kinder erlebt haben.

Pflegekinder bringen ihre Geschichte mit. Manche tragen einen sprichwörtlichen Rucksack, der für ihre kleinen Schultern eigentlich viel zu schwer ist.

Traumatische Erfahrungen verschwinden nicht deshalb, weil ein Kind jetzt in einem sicheren Zuhause lebt. Sie können sich in Ängsten zeigen, in Wut, Rückzug, Aggression, Schulproblemen oder Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen. Manche Kinder testen Beziehungen immer wieder: Bleibst du wirklich bei mir? Auch wenn ich schreie? Auch wenn ich Dinge kaputt mache? Auch wenn ich dich wegstoße?

Gerade dann beginnt die vielleicht schwerste Aufgabe einer Pflegefamilie. Und genau dann müsste hinter dieser Familie ein starkes Hilfesystem stehen. Ein System, das sagt: Wir wissen, wie schwer das gerade ist. Wir helfen euch. Wir suchen gemeinsam nach Lösungen.

Doch Pflegeeltern berichten, dass sie genau das nicht immer erleben.

Wenn aus dem Partner Jugendamt plötzlich eine Machtfrage wird

Das Jugendamt soll Pflegeverhältnisse begleiten, Kinder schützen und Pflegefamilien unterstützen. Seine Mitarbeiter tragen dabei eine enorme Verantwortung und müssen teilweise unter schwierigen personellen Bedingungen Entscheidungen treffen.

Doch berichten Pflegeeltern immer wieder von einer anderen Erfahrung: von überlasteten Ansprechpartnern, wechselnden Zuständigkeiten, fehlender Erreichbarkeit und unzureichender Beratung und Begleitung.

Besonders problematisch wird es, wenn eine Pflegefamilie in eine Krise gerät. Denn dann brauchen Pflegeeltern keine Verwaltung ihrer Probleme. Sie brauchen Hilfe.

Sie brauchen Fachleute, die die Vorgeschichte des Kindes kennen. Menschen, die verstehen, dass schwieriges Verhalten eines Pflegekindes nicht automatisch bedeutet, dass eine Pflegefamilie versagt hat. Sie brauchen therapeutische Unterstützung, Entlastung und jemanden, der gemeinsam mit ihnen nach Lösungen sucht.

Doch Betroffene schildern Situationen, in denen sie sich nicht unterstützt, sondern zunehmend selbst zum Gegenstand der Kritik gemacht fühlen. Es fallen Vorwürfe.

Pflegeeltern berichten, dass ihre Erziehung infrage gestellt werde. Manche erleben Anschuldigungen als falsch oder nicht ausreichend geprüft. Andere haben den Eindruck, ihre Sicht werde kaum noch gehört, sobald sich eine bestimmte Einschätzung innerhalb des Jugendamtes verfestigt habe.

Und über allem steht eine Angst, die Außenstehende kaum nachvollziehen können: Was passiert, wenn man uns dieses Kind plötzlich wegnimmt?

Wenn Hilfe zur Angst wird

Genau hier liegt ein gefährlicher Widerspruch.

Pflegeeltern sollen sich an das Jugendamt wenden, wenn sie Schwierigkeiten haben. Doch was passiert, wenn Pflegeeltern irgendwann Angst davor bekommen, genau das zu tun?

Wenn aus der Bitte „Wir brauchen Hilfe“ die Sorge wird: „Wenn wir sagen, wie schwierig es gerade ist, hält man uns dann für ungeeignet?“

Ein Hilfesystem kann nur funktionieren, wenn Familien Probleme offen ansprechen können, ohne befürchten zu müssen, dass jede Krise automatisch gegen sie ausgelegt wird.

Natürlich gibt es Situationen, in denen Jugendämter handeln müssen. Wenn das Wohl eines Kindes gefährdet ist, darf der Staat nicht wegsehen. Der Schutz von Kindern ist nicht verhandelbar. Aber Kinderschutz verlangt ebenso sorgfältige Prüfung, fachliche Qualität und verantwortungsvolle Entscheidungen.

Eine Herausnahme darf nicht zum Ersatz für fehlende Unterstützung werden.

Was bedeutet eine Herausnahme für ein Kind?

In einer Akte kann eine Herausnahme wie ein Verwaltungsakt erscheinen.

Für ein Kind kann sie bedeuten, dass seine Welt zusammenbricht. Da ist plötzlich nicht mehr das eigene Bett. Nicht mehr der vertraute Frühstückstisch. Nicht mehr der Mensch, der jahrelang die Brotdose gepackt hat. Vielleicht kein Gute-Nacht-Kuss mehr von der Pflegemutter. Kein Fußballtraining mit dem Pflegevater. Keine Pflegegeschwister, mit denen gestritten und fünf Minuten später wieder gelacht wurde.

Vielleicht eine andere Schule. Andere Freunde. Ein anderer Ort. Wieder eine neue Umgebung. Wieder neue Erwachsene. Wieder die Frage: Bleibe ich diesmal – oder muss ich irgendwann wieder gehen?

Gerade bei Kindern, die bereits Trennungen und Beziehungsabbrüche erlebt haben, muss deshalb sehr genau hingesehen werden, bevor gewachsene Bindungen erneut durchtrennt werden.

Es geht nicht darum, notwendige Schutzmaßnahmen zu verhindern. Es geht darum, sicherzustellen, dass eine Herausnahme tatsächlich dem Schutz des Kindes dient – und nicht das Ende einer Entwicklung ist, bei der zuvor Unterstützung gefehlt hat.

Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Pflegeeltern erleben sich gegenüber dem Jugendamt häufig in einer schwächeren Position.

Das Jugendamt begleitet und bewertet Pflegeverhältnisse und ist zugleich an Entscheidungen beteiligt, die tief in das Familienleben eingreifen können.

Wenn Pflegeeltern eine Entscheidung als falsch empfinden, stellt sich deshalb eine entscheidende Frage: Wohin können sie sich wenden?

Wer hört ihnen unabhängig zu? Wer prüft strittige Entscheidungen? Und wer stellt sicher, dass nicht nur über Pflegefamilien gesprochen wird, sondern mit ihnen?

Unabhängige Beratungs- und Beschwerdestrukturen sind deshalb von zentraler Bedeutung. Nicht, weil Jugendämter grundsätzlich gegen Pflegefamilien arbeiten würden. Sondern weil dort, wo Behörden weitreichende Entscheidungen über Kinder und Familien treffen, Transparenz und überprüfbare Verfahren besonders wichtig sind.

Zwischen Verantwortung und Überlastung

Dabei wäre es zu einfach, einzelnen Mitarbeitern der Jugendämter pauschal die Schuld zu geben. Auch sie arbeiten in einem System, das vielerorts unter Druck steht. Hohe Fallzahlen, Personalmangel, Krankheit, Fluktuation und komplexe Fälle treffen auf Entscheidungen, bei denen es manchmal um die gesamte Zukunft eines Kindes geht.

Doch genau das macht die Situation so ernst. Denn wenn ein System überlastet ist, verschwinden die Folgen dieser Überlastung nicht.

Sie landen bei Menschen. Bei Sozialarbeitern. Bei Pflegeeltern. Und vor allem bei Kindern. 

Ein Staat, der Pflegefamilien braucht, muss deshalb auch bereit sein, Geld, Personal und fachliche Qualität in deren Begleitung zu investieren.

Pflegeeltern sind keine Unterbringungsplätze

Vielleicht liegt genau hier eines der grundlegenden Missverständnisse. Eine Pflegefamilie ist kein Unterbringungsplatz. Sie ist kein Bett in einer Statistik. Kein freier Platz, der mit einem Kind „belegt“ wird.

Wenn ein Kind über Jahre in einer Familie lebt, entstehen Beziehungen. Und Beziehungen lassen sich nicht per Aktenvermerk abschalten. 

Pflegeeltern übernehmen Verantwortung an 365 Tagen im Jahr. Sie sind da, wenn das Jugendamt geschlossen hat. Am Sonntagmorgen, an Weihnachten, beim Fieber um drei Uhr nachts. Beim ersten Schultag, beim Liebeskummer, nach dem Albtraum, nach dem Wutanfall. Und an den Tagen, an denen ein Kind seine Vergangenheit nicht mehr aushält.

Von Pflegeeltern wird erwartet, dass sie dann bleiben. Deshalb dürfen sie erwarten, dass auch das Hilfesystem bleibt, wenn es schwierig wird.

Wer Pflegefamilien will, muss ihnen den Rücken stärken

Deutschland braucht Menschen, die bereit sind, Pflegekinder aufzunehmen. Doch diese Bereitschaft ist nicht selbstverständlich.

Wer Familien darum bittet, ihre Türen für Kinder mit schwierigen Lebensgeschichten zu öffnen, übernimmt auch Verantwortung für diese Familien. 

Es reicht nicht, ein Kind zu vermitteln und darauf zu hoffen, dass Liebe und guter Wille anschließend alle Probleme lösen.Pflegefamilien brauchen verlässliche Ansprechpartner. Sie brauchen fachkundige Beratung. Sie brauchen schnelle Unterstützung in Krisen, therapeutische Hilfen und Entlastungsmöglichkeiten. Und sie brauchen Verfahren, in denen ihre Stimme gehört wird.

Vor allem aber braucht es ein Bewusstsein dafür, dass hinter jedem „Pflegefall“ ein Kind steht. Ein Kind, das vielleicht schon einmal sein Zuhause verloren hat. Vielleicht sogar mehrmals.

Deshalb sollte vor jeder Entscheidung, die erneut eine gewachsene Beziehung zerreißen könnte, eine Frage stehen:

Haben wir wirklich alles getan, um diesem Kind zu helfen, dort sicher bleiben zu können, wo es inzwischen zu Hause ist?

Wenn die Antwort darauf nicht eindeutig Ja lautet, dann sollte nicht zuerst die Pflegefamilie infrage gestellt werden. 

Dann muss sich auch das System selbst Fragen gefallen lassen.

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Die Autorin Kathrin Kube ist Vorsitzende des Landesverbandes für Pflege- und Adoptiveltern im Land Sachsen-Anhalt e.V. und des Vereins der Pflege- und Adoptiveltern Halberstadt e.V.