30 Jahre Vereinsarbeit – 30 Jahre Engagement, Zusammenhalt, Herausforderungen und ganz viel Herzblut. Wenn wir heute auf 30 Jahre Pflege- und Adoptivelternverein Halberstadt zurückblicken, dann können wir mit Stolz sagen: Wir haben viel erlebt, viel bewegt, manchmal auch viel ausgehalten – und vor allem haben wir eines nie verloren: den Glauben daran, dass Pflege- und Adoptivfamilien Unterstützung, Verständnis und eine starke Gemeinschaft brauchen.
Denn eines ist sicher: Pflegeeltern zu sein, ist keine Aufgabe, für die man morgens aufsteht und sagt: „Ach, das machen wir mal eben nebenbei!“ Pflegeelternschaft bedeutet Liebe, Verantwortung, Geduld, Durchhaltevermögen und manchmal auch Nerven wie Drahtseile. Und wenn man denkt, man hätte nun endlich alle Herausforderungen gemeistert, kommt garantiert die nächste um die Ecke.
Gut, wenn man dann nicht allein dasteht!
Früher war vieles anders – aber war auch alles besser?
In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Arbeit unseres Vereins stark verändert. Während in den Anfangsjahren vieles noch anders organisiert war, stehen Pflegefamilien heute vor immer neuen und oft sehr komplexen Herausforderungen.
Besonders auffällig ist, dass viele Pflegeeltern erst dann den Weg zu unserem Verein finden, wenn sie bereits vor Problemen stehen. Wenn die Unsicherheit wächst, wenn Fragen unbeantwortet bleiben oder wenn sie das Gefühl haben, mit ihren Sorgen und Schwierigkeiten allein zu sein.
Gerade in der Anfangsphase eines Pflegeverhältnisses fehlen häufig wichtige Informationen, Orientierung und manchmal auch die notwendige Begleitung. Dabei wäre genau das so wichtig! Denn wer ein Pflegekind aufnimmt, übernimmt nicht nur eine große Verantwortung, sondern betritt oft auch eine völlig neue Welt – mit vielen Vorschriften, Zuständigkeiten, Anträgen und Herausforderungen.
Und seien wir ehrlich: Manchmal braucht man für diese Welt nicht nur einen guten Ratgeber, sondern fast schon einen Kompass, eine Landkarte und gelegentlich auch starke Nerven.
Umso schöner ist es, wenn Pflegeeltern schließlich zu uns finden und feststellen: Hier gibt es Menschen, die verstehen uns. Hier müssen wir nicht alles erklären. Hier hört uns jemand zu.
Denn wer könnte die Sorgen, Ängste, aber auch die schönen Momente einer Pflegefamilie besser verstehen als Menschen, die selbst diesen Weg gehen?
Unser Verein – ein Netzwerk, das trägt
Was unseren Verein heute besonders wertvoll macht, ist das starke Miteinander.
Wir sind nicht nur ein Verein auf dem Papier, der sich gelegentlich trifft, Kaffee trinkt und über das Wetter spricht. Obwohl – Kaffee gehört natürlich dazu, und manchmal braucht es davon auch eine zweite oder dritte Tasse!
Wir sind ein Netzwerk aus Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, beraten, begleiten, Erfahrungen austauschen und füreinander da sind.
Unsere regelmäßigen monatlichen Treffen sind deshalb weit mehr als gemütliche Zusammenkünfte. Sie sind ein wichtiger Ort des Vertrauens, des Zuhörens und der gegenseitigen Hilfe.
Hier darf man auch einmal sagen: „Ich kann gerade nicht mehr!“ Oder: „Kennt ihr das auch?“ Und meistens dauert es nicht lange, bis jemand antwortet: „Oh ja, das kennen wir nur zu gut!“
Manchmal hat jemand einen guten Rat, manchmal eine ganz praktische Lösung. Und manchmal hilft es schon, zu wissen, dass man mit seinen Sorgen nicht allein ist.
Es wird diskutiert, nachgedacht, gemeinsam nach Lösungen gesucht, manchmal auch geschimpft – und zum Glück immer wieder herzlich gelacht.
Denn Humor ist in der Pflegeelternschaft nicht nur erlaubt, sondern manchmal überlebenswichtig.
Genau das macht unseren Verein aus: Wir lassen einander nicht allein.
Zusammenarbeit auf Augenhöhe – ein Wunsch, der uns seit Jahren begleitet
Doch bei aller Freude über unser Vereinsleben müssen wir auch über Entwicklungen sprechen, die uns nachdenklich stimmen.
In den vergangenen Jahren hat sich leider auch die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt verändert. Und nicht immer in die Richtung, die wir uns als Verein wünschen würden.
Wir erleben, dass die wichtige Arbeit von Pflegeelternvereinen nicht immer als Bereicherung oder Unterstützung wahrgenommen wird. Auch die Zusammenarbeit mit unserem zuständigen Jugendamt gestaltet sich aus unserer Sicht nicht immer einfach.
Natürlich gibt es Gespräche und gemeinsame Treffen. Aber eine wirklich enge, vertrauensvolle und partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe – so, wie wir sie uns wünschen und wie sie aus unserer Sicht notwendig wäre – empfinden wir leider nicht immer.
Manchmal fallen dann auch Sätze wie: „Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es auch wieder heraus.“
Nun ja, wir möchten eigentlich gar nicht so viel in den Wald hineinrufen. Viel lieber würden wir gemeinsam an einem Tisch sitzen, einander zuhören und Lösungen finden.
Denn es sollte doch nicht darum gehen, wer recht hat, wer lauter ruft oder wer das letzte Wort behält.
Es sollte darum gehen, was unsere Pflegekinder und Pflegefamilien brauchen.
Wir als Verein möchten keine Gegenspieler sein. Wir möchten Partner sein. Partner, die Erfahrungen aus dem Alltag mitbringen, die Sorgen und Nöte der Familien kennen und die oftmals sehr früh erkennen, wo Unterstützung fehlt oder Probleme entstehen.
Wir wünschen uns deshalb eine Zusammenarbeit, in der gegenseitiger Respekt, Vertrauen, Offenheit und Wertschätzung selbstverständlich sind.
Denn nur wenn Jugendamt, Pflegeeltern und Verein miteinander sprechen, einander ernst nehmen und gemeinsam handeln, können wir Bedarfe erkennen, Schwierigkeiten frühzeitig auffangen und tatsächlich etwas verändern.
Dabei geht es uns nicht um Kritik um der Kritik willen. Es geht uns darum, gehört zu werden. Denn hinter jeder Frage, jedem Problem und jeder Sorge steht eine Familie – und vor allem ein Kind, das Sicherheit, Stabilität und verlässliche Erwachsene braucht.
Wir müssen nicht immer einer Meinung sein. Aber wir sollten immer dasselbe Ziel haben: das Wohl unserer Kinder.
Warum unsere Vereinsarbeit heute wichtiger ist denn je
Vielleicht ist genau das eine der größten Veränderungen in den vergangenen 30 Jahren: Unser Verein ist für viele Pflegefamilien zu einer unverzichtbaren Anlaufstelle geworden.
Wir erleben, wie groß der Bedarf an Informationen, Austausch, Beratung und gegenseitiger Unterstützung inzwischen ist.
Wir erleben aber auch, wie viel Kraft entstehen kann, wenn Menschen zusammenhalten.
Als Vorstand und Mitglieder investieren wir viel Zeit, Energie und Herzblut in diese Arbeit. Nicht, weil wir zu viel Freizeit haben – die hat man als Pflegeeltern ohnehin eher selten –, sondern weil wir wissen, wie wichtig dieses Engagement ist.
Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn man auf Antworten wartet. Wenn man um Unterstützung kämpfen muss. Wenn man sich Sorgen um ein Kind macht und nicht weiß, wie es weitergeht.
Aber wir wissen auch, wie gut es tut, wenn jemand sagt: „Komm, wir überlegen gemeinsam, was wir machen können.“
Und genau deshalb machen wir weiter.
Nicht jeder von uns hat auf alles eine Antwort. Nicht jedes Problem lässt sich sofort lösen. Aber gemeinsam haben wir mehr Erfahrungen, mehr Ideen, mehr Wissen und vor allem mehr Möglichkeiten, einander zu stärken.
Das ist gelebte Vereinsarbeit. Und darauf können wir stolz sein.
30 Jahre – und noch lange nicht am Ziel!
30 Jahre Pflege- und Adoptivelternverein Halberstadt bedeuten nicht nur einen Rückblick auf das, was gewesen ist. Sie bedeuten auch einen Blick nach vorn.
Wir wünschen uns, dass Pflegefamilien künftig von Anfang an besser informiert, begleitet und unterstützt werden. Dass sie nicht erst dann Hilfe suchen müssen, wenn ihnen das Wasser bereits bis zum Hals steht.
Wir wünschen uns, dass unser Verein noch stärker als wichtiger Ansprechpartner wahrgenommen wird – von den Pflegefamilien, aber auch von den zuständigen Fachkräften und Behörden.
Und wir wünschen uns eine echte, verlässliche Partnerschaft mit dem Jugendamt. Eine Partnerschaft, bei der nicht Zuständigkeiten, unterschiedliche Meinungen oder persönliche Befindlichkeiten im Vordergrund stehen, sondern das gemeinsame Verantwortungsgefühl für die Kinder.
Denn unsere Pflegekinder brauchen keine Erwachsenen, die gegeneinander arbeiten. Sie brauchen Erwachsene, die miteinander Lösungen finden.
30 Jahre Vereinsarbeit haben uns eines gelehrt: Gemeinsam ist nicht immer alles leichter – aber vieles wird überhaupt erst möglich.
Deshalb sagen wir heute Danke.
Danke an alle, die unseren Verein vor 30 Jahren ins Leben gerufen haben.
Danke an alle ehemaligen und heutigen Vorstandsmitglieder, die mit Engagement, Mut und Ausdauer Verantwortung übernommen haben.
Danke an unsere Mitglieder, die ihre Erfahrungen teilen, einander Mut machen, füreinander einstehen und unseren Verein mit Leben füllen.
Und vor allem Danke an alle Pflege- und Adoptiveltern, die jeden Tag aufs Neue zeigen, was es bedeutet, einem Kind ein Zuhause, Geborgenheit, Liebe und eine Perspektive zu schenken.
Wir haben in 30 Jahren vieles erlebt. Wir haben gelacht, diskutiert, manchmal auch gekämpft und sicherlich so manches Mal tief durchgeatmet.
Aber wir sind noch da. Mit Herz, mit Haltung, mit Humor und manchmal eben auch mit einem ziemlich dicken Fell.
Und wenn wir uns für die nächsten 30 Jahre etwas wünschen dürfen, dann ist es dies: weniger Gegeneinander, mehr Miteinander, weniger Hürden und mehr offene Türen.
Denn am Ende geht es nicht darum, wer den längeren Atem hat.
Es geht um Kinder, die Menschen brauchen, die für sie da sind. Und um Pflegefamilien, die Menschen brauchen, die hinter ihnen stehen.
Dafür gibt es unseren Verein. Seit 30 Jahren. Und dafür werden wir uns auch weiterhin mit ganzem Herzen einsetzen.
Autorin: Kathrin Kube - 1. Vorsitzende des Pflege- und Adoptivelternvereins Halberstadt e.V.

